Klangwerk

Diversität - Vielfalt - Reichtum

Der Begriff der Klangvielfalt bezieht sich in erster Linie auf unser nach „außen“ gerichtetes Erleben des Klangs in seinen nuancenreichen Facetten. Der Mensch kann beispielsweise ihm bekannte Personen mühelos an der Stimme erkennen, Objekte am Klang identifizieren (Erraten Sie das „geheime Geräusch“!) oder unterschiedliche Hersteller eines Musikinstrumentes nach entsprechendem Training allein am Klang unterscheiden.

Der Begriff des Klangreichtums bezieht sich hingegen auf unser nach „innen“ gerichtetes Erleben. Wie fühlt sich etwas an? Klang ist Berührung: körperlich, seelisch und spirituell. Klangreichtum meint die besondere Qualität dieses inneren Erlebens, die als Qualia nur individuell erfahrbar ist. Man kann diese Erfahrungen durch Selbstbeobachtung und statische Erfassung der Aussagen einer großen Anzahl befragter Personen sammeln und systematisieren. So bekommt man eine grobe objektive Vorstellung vom Begriff des Klangreichtums. Das hilft dem auf das innere Erleben geschulten Psychoakustiker, den dynamischen Prozess der systematischen Klanggestaltung immer besser zu beherrschen. Natürlich spielen hierbei Gespür und Intuition die tragende Rolle. Aber auch intuitive Prozesse kann man so organisieren und arrangieren, dass sie ihre Kraft in Richtung der gewollten Ziele entfalten. Klangreichtum bildet eine wichtige Voraussetzung für das individuelle ästhetische Erleben:

„So verschieden die menschlichen Wesenszüge sind, so verschieden sind auch die Vorstellungen des Menschen von der Schönheit des Klanges.“ Konrad Leonhardt

 

„Was machen die eigentlich mit mir? Sie erzeugen Schwingungen, die an mein Ohr dringen, die mein Trommelfell weiterleitet an Hammer, Amboß und Steigbügel. Der sorgt dafür, dass die Schwingungen sich auf das Gehörwasser übertragen, dessen feines Schwappen und Zittern sie endlich dem Gehörnerv als Sinnesreize übermittelt. Die Schläfenlappen in meinem Großhirn machen mir die Klangempfindung bewußt. Nun gut, das gleiche bewirken auch der Straßenlärm und das Telefon, zigmal am Tag.
Aber dann geschieht mir folgendes: Schauer rieseln über meine Wirbelsäule. Nach einer Weile spüre ich den salzigen Geschmack des dünnen Tränenstroms, der, am Bart vorbeirinnend, den Mundwinkel erreicht. Gänsehaut überzieht die Hände. Was die mit mir machen? Die verfügen über mich. Die wühlen mich auf, graben mich um: ein alter Mann, ein achtzehnjähriges Mädchen mit einem Stück Holz in der Hand und 120 Männer im Frack, die Berliner Philharmoniker.“ Emanuel Eckardt im Stern vom 23.12.1981 

„This instrument is like a great chamber musician: responsive, strong and flexible. In no other violin have I found such clarity and depth of tone under the ear, and warmth, richness and suppleness at a distance.”  Hilary Hahn

Schall - Klang - Emotion

Schall ist Wellenbewegung der Luft. Das Hin- und Herbewegen der Teilchen findet hierbei in der Richtung der Schallausbreitung statt. In der Regel überlagern sich die Schallschwingungen verschiedener Schallquellen zu räumlich-zeitlichen Strukturen einer nahezu unbegrenzten Vielfalt fein abgestufter facettenreicher Muster. Wie das menschliche Hören daraus Empfindungen, Wahrnehmungen und Gefühle bildet, ist noch weitgehend unbekannt. Unbestreitbar ist die Tatsache, dass Menschen in allen Kulturen über das Gehör im Innersten berührt werden: „Das Auge führt den Menschen in die Welt, das Ohr führt die Welt in den Menschen ein“ formulierte der Naturforscher und Philosoph Lorenz Oken im 19. Jahrhundert. „Das Ohr ist der Weg“ heißt es in den Upanishaden.

Pappelgeflüster, Aufnahme mit der akustischen Kamera

Schallschwingungen in der uns umgebenden Materie der „äußeren Welt“ haben offenbar direkten Zugang zu den elektrophysiologischen und chemischen Schwingungsmustern in unserem Gehirn. Das ist nur möglich, indem diese Strukturmuster der äußeren und inneren Welt gespiegelt werden. Solche „Synchronizitäten“ (C.G.Jung) betreffen verschiedene Niveaus einer Holarchie mit unterschiedlicher Strukturfeinheit und Körnung. Das Ohr ist der Weg, um diese unglaublich komplexe und Einheit herzustellen: körperlich, psychisch und spirituell. Das Ohr ist mehr als ein Nachrichtenempfänger!

Der Berliner Forscher und Erfinder Gerd Heinz entdeckte mit seinen Interferenznetzwerken einen gemeinsamen Zugang zu Nervennetzwerken wie auch zu akustischen Bildern und Filmen. Er konnte zeigen, dass durch einfache Verzögerungen in mehrdimensionalen Räumen oder Netzwerken Abbildungen entstehen, die spiegelbildliche Welten erzeugen. Damit wird die äußere Welt der Optik, Akustik und Haptik in die innere Welt des Sehens, Hörens und Fühlens projiziert. So können wir das Wesen der Emotionen als Verschmelzung spezieller visueller, auditiver und taktiler Muster erstmals verstehen.

Das ist der Grund, weshalb uns einerseits Musik so tief berührt und unsere reiche Gefühlswelt viel präziser anspricht, als es die Sprache vermag. Deshalb kann andererseits die Sprache eine vielschichtige und an Metaphern überreiche Symbolwelt aufbauen, welche Mathematik und Wissenschaft erst möglich macht. Und schließlich gewährleisten Musik und Sprache in ihren tief verwurzelten archetypischen Bindungen die Stabilität sozialer Gemeinschaften, ganzer Staaten und globaler Bündnisse. Das Wesen des Schönen aber bleibt ein großes Geheimnis.

Symmetrie - Vielfalt - Schönheit

Klangvielfalt und Klangreichtum beruhen auf fundamentalen Symmetrien. Bereits vor mehr als hundert Jahren stellten Mathematiker fest, dass es in bestimmten höherdimensionalen Räumen einzigartige Symmetrien gibt – man nennt sie exceptionelle Lie-Gruppen. Sie sind dadurch gekennzeichnet, dass die Symmetrie kontinuierlich ist. Beispiele für kontinuierliche Symmetrien sind Kreis und Kugel. Diese lassen sich beliebig durch den Mittelpunkt drehen, ohne ihre Form zu verändern. Es gibt nun genau fünf exceptionelle Lie-Gruppen: G2, F4, E6, E7 und E8. E8 ist die Komplexeste, sie enthält die anderen vier Gruppen und hat die Dimension 248.

Einem Team von 18 Mathematikern ist es vor wenigen Jahren geglückt, die „Botanik“ dieser komplizierten Struktur zu berechnen: „Eine Kalkulation von der Größe Manhattans“. Sie umfasst 60 Gigabyte Daten. Verglichen mit dem Humangenomprojekt das 60-fache an Information. Trotz dieser Vielfalt ist das zugrunde liegende Prinzip der Symmetrie radikal einfach.

Der norwegische Mathematiker Sophus Lie schuf im 19. Jahrhundert wichtige Grundlagen der modernen Physik. Die Computergrafik zeigt die zweidimensionalen Projektionen der Symmetriegruppen E6, E7 und E8 (von links nach rechts). E8 gilt als eine der schönsten Strukturen der gesamten Mathematik und enthält alle anderen Strukturen der Lie-Gruppe.

Solche mathematischen Strukturen werden von Menschen aller Kulturkreise als ausgesprochen schön empfunden. E8 ist deshalb ein Symbol für das Ideal des perfekten Klangs, eine Verbindung von Klangreichtum mit einzigartiger Schönheit: Klang ist Leben und beweist, dass unserer Existenz eine tiefe innere Schönheit zugrunde liegt.

Die Freuden der Qualia

In einem vom BMBF unterstützten Projekt untersuchen 12 Forscher aus Brandenburg und Berlin die Funktionen des menschlichen Bewusstseins (Gehirn und Geist Nr.6/2010, Seite 68-75, www.bbaw.de). Wahrnehmungsexperimente zeigen, dass die physiologisch nachweisbare Aufmerksamkeit und das bewusste Erleben der Qualia nicht immer zusammenfallen. Demzufolge ist Bewusstsein und somit auch das bewusste Hören ein Prozess: Zunächst registrieren Nervenzellen akustische Features wie beispielsweise Tonhöhen, Klangfarben oder rasche Zeitstrukturen. Auf der folgenden Stufe des phänomenalen Bewusstseins werden dann diese Reize für das Erleben verfügbar gehalten. Auf einer dritten Stufe schließlich wählt die Aufmerksamkeit das aus, was bewusst erlebt wird. Phänomenales Bewusstsein ist damit die Voraussetzung für die Wahlfunktion der Aufmerksamkeit.

Für die Klangfarbenforschung des NewStrad-Teams spielt dieser Zusammenhang eine entscheidende Rolle. In groß angelegten psychoakustischen Feldversuchen wurden kunsthandwerkliche Meistergeigen unterschiedlicher Provinienz mit dem neu entwickelten Verfahren des Sound Mappings analysiert. Dieses Verfahren ermöglicht es, Wahrnehmungsstrukturen auf der Ebene des phänomenalen Bewusstseins übersichtlich zu kartieren. Ein Beispiel (Bild links) zeigt die Analyse einer Stradivari-Geige (1725) aus der Hörerperspektive:

Sound Mapping hochwertiger Violinen (Präferenzen über hell-dunkel-Faktor; die Urteilshäufigkeit ist mittels Farbkeil kodiert, blau präsentiert geringe und rot hohe Häufigkeiten; je 310 Urteile)

Das phänomenale Bewusstsein registriert hierbei (vorbewusst) einen hervorragend ausgeprägten Sängerformanten, aber auch zwei Störmuster in den Höhen. Außerdem ist in dem gezeigten Beispiel das Klangvolumen verhältnismäßig schwach ausgeprägt. Die bewusste Lenkung der Aufmerksamkeit wird bei Stradivari-Geigen in der Regel den Fokus auf die Stärken des Instruments setzen, z.B. auf den gut ausgebildeten Sängerformanten.

Ein zweites Beispiel (oberes Bild rechts) zeigt ebenfalls aus der Hörerperspektive die Analyse eines NewStrad-Instruments mit gut ausgeprägten Tiefen und strahlenden Höhen. Hier sind die Störmuster weitgehend reduziert. Für das bewusste Erleben steht damit ein reicher Klangkörper mit beeindruckenden Tiefen und in verschiedenen Nuancen strahlenden Höhen zur Verfügung.

Über 40 Vergleichtests mit mehr als 1000 Hörergutachtern, u.a. in Wien, Mailand, Cremona, New York, Berlin, Stuttgart, Dresden, Leipzig, München, Köln und Potsdam haben für die Hörerperspektive eindeutig die hohe klangliche Qualität der NewStrad-Geigenfamilie nachgewiesen.

Der Geigenvergleich